Manchmal beginnt Gestaltung mit einer sehr konkreten Frage. Und entwickelt mit der Zeit eine Tragweite, die sich erst Jahre später vollständig zeigt.
Als Helmut Ness gemeinsam mit Holger Schmidhuber und Rolf Mehnert in den frühen 2000er-Jahren eine neue Informations- und Leitschrift entwickelte, ging es nicht um Stil oder Wiedererkennbarkeit. Es ging um Funktion.


Wie kann eine Schrift Orientierung geben, auch unter schwierigen Bedingungen – im Vorbeifahren, bei Tempo, bei Müdigkeit, bei Regen, bei Nacht?
Wie lässt sich Ruhe gestalten, wo Situationen per se unruhig sind?
Aus dieser Arbeit entstand Vialog.
Eine Schrift, die nicht auffallen will, sondern tragen soll. Die nicht interpretiert werden muss, sondern funktioniert.

Jeder Buchstabe muss klar erkennbar sein – das stand für mich beim Entwurf der Vialog von Anfang an fest. Das große „i“, das kleine „l“ und die Ziffer „1“ sind in vielen Schriftarten kaum zu unterscheiden. Wer eine Schriftart für Informations- und Wegeleitsysteme entwirft, muss diese Verwechslungen systematisch ausräumen. Die Serifen an „i“ und „j“ sind keine Stilfrage, sondern eine bewusste Entscheidung für bessere Lesbarkeit.
HELMUT NESS, PARTNER, CXO FUENFWERKEN DESIGN AG



Buchstabenkombinationen, wie j-i, j-i-i und i-j-i kommen im Japanischen häufig vor: Ein Stadtteil Tokios, in dem ich früher gewohnt habe, heißt Shakujii und eine der Hauptstraßen im Zentrum Tokios trägt den Namen Meiji-dori. Diese Wörter sind in der Schrift Vialog gut lesbar, dank der kleinen Buchstaben i und j mit Serifen am oberen Ende. Merkmale wie diese zeichnen die Vialog für die Darstellung japanischer Ortsnamen aus.
AKIRA KOBAYASHI, CREATIVE TYPE DIRECTOR MONOTYPE
Warum passt Vialog auf Japan’s Straßen?
Was als präzise Antwort auf eine konkrete gestalterische Aufgabe begann, entwickelte sich über Jahre zu etwas Dauerhaftem. Zu Infrastruktur.
Rund zehn Jahre später wurde Vialog für eine Aufgabe ausgewählt, die weit über ihren ursprünglichen Kontext hinausging: für die lateinische Beschriftung der japanischen Autobahnen. Heute ist Vialog dort landesweit im Einsatz.
Sie begleitet Millionen Menschen täglich durch ein hochkomplexes Verkehrssystem, in dem Lesesicherheit, internationale Verständlichkeit und Barrierefreiheit grundlegende Anforderungen sind. Vialog erfüllt diese nicht durch formale Gesten, sondern durch Zurückhaltung. Durch Klarheit. Durch Verlässlichkeit.

Helmut Ness zusammen mit der japanischen Ikone im Informationsdesign Keiichi Koyama. Gemeinsam arbeiteten sie daran, die Vialog für den Einsatz auf Japans Autobahnen vorzubereiten.
Eine umfangreiche dreibändige Dokumentation beschreibt den Einsatz der Vialog auf den Autobahnen des japanischen Betreibers NEXCO. Dabei wurde auch die Erkennbarkeit der Schrift im Vergleich zu anderen auf Entfernung getestet.
Und dann gibt es diesen Moment:
Man sitzt selbst im Auto, irgendwo zwischen Tokio und dem nächsten Ziel, und liest Wegweiser, deren Schrift man einst entworfen hat. Nicht als Entwurf, nicht als Referenz – sondern als selbstverständlichen Bestandteil eines funktionierenden Systems. So selbstverständlich, dass man sie kaum bewusst wahrnimmt.
Vielleicht ist genau das ihre Qualität. Vialog ist keine Mode. Sie ist Teil der Infrastruktur.



公共空間における情報デザインは、目立つことではなく、環境に有機的に溶け込み、利用者を戸惑わせることなく直感的に導くものであるべきだ。
Informationsdesign im öffentlichen Raum sollte nicht auffallen, sondern sich organisch in die Umgebung einfügen, um den Benutzer intuitiv zu führen, ohne ihn zu überfordern.
KEIICHI KOYAMA, MANAGING DIRECTOR I DESIGN, TOKIO


Die Lesbarkeit von Ziffern wird durch offene Formen und klare Unterscheidbarkeit deutlich verbessert. Für die Wahrnehmung in Bewegung und beispielsweise bei schlechten Sichtverhältnissen kann das entscheidend sein.
Dass wir diesen Case erst jetzt veröffentlichen, hat einen einfachen Grund: Erst mit der Zeit im flächendeckenden Einsatz ist klar geworden, was Vialog in Japan tatsächlich ist. Keine Einführung, kein Übergang, sondern eine bewährte und dauerhaft eingesetzte Schrift – die offizielle Standardschrift für die lateinische Beschriftung der japanischen Autobahnen. Für uns ist das ein Beispiel dafür, was Gestaltung leisten kann, wenn sie sich nicht in den Vordergrund stellt: Orientierung geben. Vertrauen schaffen. Und langfristig wirken.
Bilder: Jan Allendörfer

Friederike Seidel
Client Services Director
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